3. Kapitel

Ein flugunfähiger Paradiesvogel

 

In mir wird es von Tag zu Tag kälter. Kälter und grauer. Als würde meine Welt ihre Farben verlieren. Ich wandere in mir durch eine Landschaft, die sieht aus, als bestünde sie aus Erinnerungen. Als existiere sie nicht mehr. All die Bäume, all die Vögel, all das hohe Gras - sie sind graue Erinnerungen. Sie sind nicht mehr am Leben.

 

 

Ich suchte auf der Damentoilette Zuflucht. Der Ort erschien mir am sichersten, denn ich konnte eine Türe absperren. Außerdem hatte ich das dringende Bedürfnis, mir die Hände und Arme zu waschen. Um ehrlich zu sein fühlte ich mich so voller Dreck, dass ich sehr gerne geduscht hätte. Am liebsten hätte ich in einem See gebadet, der tief genug war, um ganz untertauchen zu können. Ich war in der Schule. Hier gab es keinen See. Nur die Damentoilette und einen schlecht montierten Wasserhahn. Ich drehte den Hahn auf, ließ das kalte Wasser über meine Hände laufen, stand vor dem Spiegel, schaute hinein und sah mich nicht. Immer wieder bediente ich den Seifenspender, wie ferngesteuert, den Blick nicht von dem Spiegelbild nehmend, das ich sein sollte. Man sah den Dreck nicht, den ich fühlte. Die Frau im Spiegel war sauber. Sie passte nicht zu meinem Gefühl, in eine Schlammpfütze gefallen zu sein. 

Warum fühlst du dich schmutzig? 

Der Gedanke erzeugte fast ein Echo in meinem Kopf. 

Es ist nichts passiert, das dieses Gefühl rechtfertigt! Du bist nicht vergewaltigt worden! Dir ist nichts passiert! Du lebst noch! Doch, passiert ist dir schon was - aber keine Vergewaltigung! Etwas anderes. 

Ich drehte den Wasserhahn wieder zu, trocknete Arme und Hände mit einem Papiertuch ab. Dann schloss ich mich auf einer der Kabinen ein, lehnte mich gegen die Trennwand und atmete tief ein und wieder aus. Was war da gerade in dem Zimmer mit mir passiert? Was war mir passiert? Wie nannte man das? Hatte es einen Namen? Warum schämte ich mich? Für was schämte ich mich? Warum fühlte ich mich so dreckig, so zerstört an? Ich schüttelte mehrmals ratlos den Kopf. Am liebsten hätte ich geweint. Doch ich konnte nicht weinen. Ich konnte nur an dieser Trennwand lehnen, den Blick ins Leere richten und wie durch Nebel hindurch meinen Gedanken dabei zusehen, wie sie durch meinen Kopf irrten. 

Was machst du denn jetzt? Gehst du zur Polizei? Aber was sagst du denen? Du kannst ja nichts beweisen! Gar nichts! Du kannst dem Geschehenen nicht mal einen Begriff zuordnen! Du müsstest den anzeigen! Da gäbe es dann eine Gerichtsverhandlung. Du hast nicht genügend Kraft für eine Gerichtsverhandlung! Du hast gerade mal genügend Kraft, das zu verdrängen, damit du funktionierst! Und du musst funktionieren! Wenn es in deinem Leben und vor allem in deiner Arbeit wieder ruhiger geworden ist, vielleicht hast du dann genügend Kraft für das hier. Aber nicht jetzt! Jetzt musst du funktionieren! Vergiss all das! Später kannst du das ganz in Ruhe verarbeiten. Vielleicht ist es dann auch gar nicht mehr wichtig. Das entscheidest du dann. Jetzt wäschst du dir nochmal die Hände, dann gehst du zurück in das Klassenzimmer. In der Pause rufst du deine beste Freundin an und fragst sie, ob du sie besuchen kommen darfst. Du brauchst jetzt etwas, auf das du dich freuen kannst! Du brauchst andere Gedanken in deinem Kopf! 

Ich entriegelte die Türe, trat erneut an das Waschbecken, betätigte erneut den Seifenspender, drehte erneut den Wasserhahn auf, wartete, bis das Wasser eiskalt war und hielt dann meine eingeseiften Hände darunter. Die Kälte des Wassers schien direkt in meinen Kopf zu gelangen. Der Nebel wurde transparent, schien augenblicklich zu kristallklarem Eis zu gefrieren, durch das ich mühelos hindurchblicken konnte. Langsam begann ich, mich im Spiegel wieder zu erkennen. Ich nickte meinem Spiegelbild zu, als würde ich es grüßen. Auch mein Spiegelbild nickte, als würde es den Gruß erwidern. Dann drehte ich den Wasserhahn ein weiteres Mal wieder zu, trocknete mir ein weiteres Mal die Hände mit einem Papiertuch ab und verließ die Damentoilette. Ich schlich die Treppe in den ersten Stock hoch. Je näher ich der Türe unseres Klassenzimmers kam, je dringlicher wurde mein Wunsch, mich umzudrehen und davonzulaufen. Egal wohin, Hauptsache weg. Weg von diesem Zimmer. Weg von diesem Menschen. Ganz weit weg von all dem.

 

 

Es dauerte etwas mehr als ein Jahr, bis ich erfuhr, was ihr in dem Zimmer widerfahren war. Sie hatte seit dem Tag, an dem sie Streichholzrätsel in meiner Küche zu lösen versucht hatte, zwei Mal den Betrieb gewechselt und arbeitete nun in einem Shop, der Modeschmuck verkaufte. Die Arbeit machte ihr wenig Freude, meist kam es mir so vor, als würde sie folgsam ihre Pflicht erfüllen. Manchmal hatte ich den Eindruck, die Eintönigkeit des Alltags quälte sie, genauso wie es sie quälte, von ihren Mitmenschen eingeordnet zu werden. ‟Jeder, den ich treffe, versucht mich in eine Schublade zu stecken. Zuerst bin ich in der Schublade der braven Menschen, dann komme ich in die der naiven Menschen, dann werde ich zum Hippie und wenn ich auch in diese Schublade nicht passen möchte - und das tue ich nie - sind meine Mitmenschen so ratlos, dass sie mir Tipps und gut gemeinte Ratschläge geben, wie ich mich bitte zu ändern habe, damit ich in ihre Kommode passe. Ich will aber gar nicht in ihre blöde Kommode mit ihren blöden Schubladen passen!‟ Ich schmunzelte über diese Beschreibung. „So! Du willst in keine Schublade passen‟, zog ich sie gespielt empört auf. „Nein! Ich setze mich lieber auf die Kommode oben drauf, baumele mit den Beinen und genieße die Aussicht!‟ „Ja, das tust du! Aber du musst auch deine Mitmenschen verstehen. Die kennen Hühner, Amseln und Spatzen und dann kommst du daher und bist ein Paradiesvogel. Den kennen deine Mitmenschen nun mal nicht. Also wollen sie, dass du ein Spatz bist. Oder eine Amsel. Oder ein Huhn. Denn wenn du das bist, wissen sie, wie sie mit dir umgehen, was sie dir zu fressen geben sollen.‟ „Aha. Dann sind meine Mitmenschen aber ein kleines bisschen einfältig! Du kannst zu einem Hund ja auch nicht sagen >sei eine Katze< und er tut´s! Er ist ein Hund und wird immer ein Hund bleiben. Ich bin ein Paradiesvogel und werde immer ein Paradiesvogel bleiben. Mein Leben hat mich eben dazu gemacht.‟ Für den Bruchteil einer Sekunde huschte bei ihrem letzten Satz ein Ausdruck größten Entsetzens über ihr Gesicht. In diesem Bruchteil sah ich einem unmaskierten  Menschen in die Augen, der nur eine Frage zu haben schien: Was habe ich getan, dass mir so weh getan wurde? Ich schluckte. Dann begann ich Fragen zu stellen. Viele Fragen. Unangenehme Fragen. Fragen, die mich hinter ihre Maske des Lächelns blicken ließen. Zuerst versuchte sich mein Paradiesvogel wegzuducken, den Fragen auszuweichen. Doch sie flog nicht davon. Schließlich präsentierte sie mir ein einstmals wunderschönes Federkleid, dass nun zerzaust und verklebt in alle Richtungen abzustehen schien und das Fliegen völlig unmöglich machte. 

Da kommt viel Arbeit auf dich zu. Aber dieser Paradiesvogel wird wieder fliegen! 

Das nahm ich mir im Stillen vor und hoffte inständig, dieses Versprechen halten zu können, auch wenn ich nicht wusste, wie ich vorgehen sollte - schließlich kannte auch ich Spatzen, Amseln und Hühner, vielleicht gerade noch Tauben - Paradiesvögel jedoch waren mir bis dahin noch keine untergekommen. Ich ließ sie also auf meiner Kommode sitzen, mit den Beinen baumeln und schmunzelnd die Aussicht genießen. Von diesem Vorgehen erhoffte ich mir den größten Erfolg. Ich sollte Recht behalten.

Kätzchen