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Fiona und Hannelore
Hannelore

1. Kapitel

Teanu

Hannelore beäugte neugierig die Berge, zwischen denen sie erwacht war. Sie erschienen ihr riesengroß, zumindest war jeder ihrer Versuche, über sie hinweg zu klettern kläglich gescheitert. Auch hatte sie sie nicht zur Seite stubsen können und selbst der Versuch diese Berge ein wenig anzuknabbern, um sich durch eine entstehende Öffnung zu schieben, war erfolglos geblieben. "Du bist aber keine Kokosnuss!", ertönte plötzlich eine Stimme. Teanu hob Hannelore empor. "Hey! Du musst dich nicht verstecken! Ich tu dir nichts! Hab keine Angst!" Der Junge lachte fröhlich, legte die Kokosnüsse in einen Korb, der aus Binsen geflochten war, legte darauf das Palmblatt, unter dem er die kleine Schildkröte gefunden hatte und setzte zu oberst Hannelore, damit sie nicht verletzt werden konnte. Dann zog er eine Schnur durch zwei sich gegenüber liegenden Schlaufen und trug den Korb über den Strand zu dem Pfad, auf dem Fiona wenige Stunden zuvor weinend zum Markt zurück getrottet war. Die Sonne neigte sich langsam und verwandelte den Himmel in eine farbenprächtige Palastphasade. Dort wohnte der Sonnengott. Er verließ seinen Palast am Morgen, begab sich zur Jagd und kam am Abend zurück. Teanu musste sich beeilen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein. Nachts kamen die Dämonen aus der Unterwelt empor, stiegen aus den Wellen des Meeres und dem Plätschern der Bäche und suchten die Heim, die nicht in ihren sicheren Häusern lagen und zumindest so taten, als schliefen sie. Hatten sie eine arme Seele gefunden, die ungeschützt im Freien unterwegs war, so trieben sie mit ihr ihr böses Spiel, lockten sie in die Wildnis hinaus und sahen jauchzend dabei zu wie die Tiere der Nacht die Menschen in Fetzten rissen, so dass am Morgen nicht mehr als die Erinnerung an sie von ihnen übrig blieben und weil der Mensch die Angewohnheit besitzt, zu vergessen, verblasste auch die Erinnerung an so manche Seele, bis sie ganz und gar aus der Welt verschwand, sich in den Ästen der Weide verfing, die auf dem Rücken der Schleiereule wächst, und nach und nach ein Teil von ihr wurde. 

Teanu musste immer wieder stehen bleiben und verschnaufen, so schwer war der Korb mit den Nüssen. Hannelore untersuchte das Palmblatt, auf dem sie lag, mit großer Sorgfalt. "Bist du ein Junge oder ein Mädchen?", fragte Teanu die kleine Schildkröte, bekam jedoch keine Antwort. "Ich glaube, du bist ein Mädchen! Du bist so vorsichtig, wie meine Schwester Soraja. Sie ist eigentlich gar nicht meine Schwester, aber sie war schon immer bei mir. Früher haben wir in zwei schiefen Häusern gewohnt, die lagen direkt nebeneinander. Vor zwei Jahren sind meine Eltern mit mir aber in ein Haus weiter oben in der Straße gezogen, das viel gerader ist. Nur die Veranda und die Treppenstufen sind noch schief. Meine Mutter hatte in dem echten schiefen Haus zuvor immer die Orientierung verloren und die Türe nach draußen nicht gefunden. Deshalb wohnen wir jetzt in einem so ungewöhnlichen Haus. Aber langsam habe ich mich daran gewöhnt und finde es gar nicht mehr so schlimm wie am Anfang. Ich muss jetzt nur immer ein bisschen früher aufstehen. Ich hole Soraja nämlich jeden Tab ab und begleite sie in die Schule, wo sie schreiben lernt. Eigentlich sollte ich da auch hingehen, aber ich möchte einmal Esel verkaufen an Händler und Reisende. Deshalb gehe ich jeden Tag auf die Felder und beobachte dort die Tiere. Ich möchte alles über sie wissen, weißt du? Wie man sie zähmt, wie man sie führt, wie auf ihnen reitet, einfach alles!" Teanu schulterte wieder das Seil und lief über den Markt, auf dem die letzten Händler ihre Stände abbauten. "Soraja sagt nie, dass ich nicht in der Schule bin und am Wochenende erklärt sie mir, wie man schreibt. Sie ist eine sehr gute Lehrerin! An ihr liegt es sicher nicht, dass ich das noch nicht so gut kann." Teanu durchschritt das östliche Stadttor von Urilon. Der Nachtwächter hatte bereits seinen Posten bezogen und nickte dem Jungen freundlich zu. Er war der Freund eines Freundes der Familie. Teanu kannte ihn kaum, grüßte ihn aber jedesmal, wenn er ihn sah, mit dem Respekt, den seiner Meinung nach jemand verdient hatte, der sich Nacht für Nacht der Gefahr der Dämonen stellte. 

Schließlich trat Teanu durch die Türe des Hauses, in dem er und seine Eltern wohnte, stieg die drei schiefen Stufen in den Vorraum hinab und stellte den Korb auf den Boden. "Warte hier, du kleine Schildkröte! Ich suche eben meine Eltern. Habe keine Angst! Ich komme gleich wieder! Der Junge betrat durch eine weitere Türe den Innenhof. In einer Ecke des Hofes saß sein Vater auf großen, farbenfrohen Kissen und rauchte seine Wasserpfeife. Als er seinen Sohn sah, winkte er ihn mit ernstem Gesichtsausdruck zu sich und deutete ihm an, Platz zu nehmen. Teanu begriff augenblicklich, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, seinem Vater von dem Korb, den Kokosnüssen und der Schildkröte zu erzählen. Die Stimme seines Vaters klang jedoch nicht wütend, als er zu sprechen begann: "Teanu, ich habe heute mit deinem Lehrer in der Schule der Schreiber gesprochen. Du warst dort seit einer ganzen Weile nicht mehr. Dem Lehrer hast du erzählt, wir wollten nicht mehr, dass du zu schreiben lernst - wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Ich meine jedoch meinen Sohn gut genug zu kennen, als dass ich weiß, dass du nicht ohne Grund eine solche Lüge erzählst. Warum also hast du gelogen? Und was hast du mit den drei Goldmünzen getan, die ich dir für deinen Lehrer gegeben hatte? Bist du in Schwierigkeiten, mein Teanu?" Teanu schluckte. "Nein, Vater. Ich bin nicht in Schwierigkeiten...", begann er seine Beichte. 

Teanus Vater zog an seiner Pfeife. In der Ferne rief ein Vogel der Nacht. Sein Ruf klang schaurig. "Du bist also seit drei Monaten anstatt in die Schule der Schreiber zu gehen zu den Feldern vor der Stadt gelaufen, um dort einem Eselhirten bei der Arbeit zu helfen." Teanu nickte mit gesenktem Kopf. "Ihm hast du auch die drei Goldmünzen gegeben, um dir eine Eseldame zu kaufen?" "Ja, Vater." "Nur reichen drei Goldmünzen nicht aus, um ein Tier sein Eigen nennen zu können, schon gar nicht ein gesundes Jungtier. Sag, Teanu, wie viele Goldmünzen fehlten dir?" "Sieben. Mir fehlten sieben Goldmünzen." Teanus Stimme klang sehr leise und sehr schuldbewusst. "Was gibt dir der Hirte für einen Tag Arbeit? Wie entlohnt er meinen Sohn?" "Er gibt mir eine halbe Kupfermünze." Teanu gab sich alle Mühe, nicht zu weinen. Sein Vater legte sanft die Hand auf seinen Kopf. "Ich habe heute Nachmittag mit deiner Mutter gesprochen. Wir waren uns einig, dass unser Sohn nicht ohne Grund lügt und seiner Ausbildung als Schreiber nicht nachgeht. Deine ehrlichen Worte haben mir gezeigt, dass wir mit dieser Einschätzung Recht hatten. Du hättest mit uns reden sollen! Warum hast du dich nicht mit uns besprochen, mein einziger Sohn?" Noch immer entbehrte die Stimme seines Vaters jeglichen Ärgers. Vielmehr schwang Besorgnis in seinen Worten mit. "Ich wollte euch überraschen. Mit dem Esel und der Ausbildung zum Freund der Esel. Ich wollte euch Stolz bringen!" In Teanus Augen standen nun die Tränen. Er erhob sich rasch, lief über den Hof zurück in den Vorraum des Hauses, fiel neben dem Korb mit den Kokosnüssen, dem Palmblatt und Hannelore auf die Knie, schlug die Hände vor sein Gesicht und weinte bitterlich. Hannelore hob den Kopf in seine Richtung, wackelte mit ihrem sehr kleinen Schwanz und kroch langsam auf ihn zu. Das Palmblatt knisterte leise.

Teanu wischte sich die Tränen von den Wangen. "Wie unhöflich von mir! Du möchtest sicher aus dem Korb genommen und herumgeführt werden." Er nahm die Schildkröte und setzte sie vorsichtig auf seine Handfläche, immer noch vereinzelt schluchzend. Sein Vater, der ihm leise gefolgt war, lächelte milde. "Willst du neben Eseln auch Schildkröten züchten? Für all jene Reisenden, die in aller Ruhe mit viel Zeit die schöne Landschaft genießen wollen und denen daher ein Esel zu schnell ist?" Teanu sah seinen Vater ungläubig an. "Aber Vater! Ein Esel ist doch nicht schnell!" Sein Vater zwinkerte amüsiert. "Schneller als eine Schildkröte, langsamer als ein Kamel." "Nein, ich glaube für Schildkröten als Reisetiere besteht kein großes Interesse und Kamele bekommt jeder in der Karawanserei in der großen Straße. Soraja und ich sind dort einige Male gewesen um die 1000 Kamele zu sehen von denen uns der Besitzer berichtet hat. Aber wir konnten nur Esel und Enten finden, keine Kamele. Als der Besitzer, Josuf heißt er glaube ich, gefragt hat, wie wir seine Tiere finden würden, haben wir sie natürlich trotzdem sehr gelobt." Der Vater lachte amüsiert. "Obwohl ihr sie gar nicht gesehen hattet?" Teanu blickte betreten zu Boden. "Ja, das war nämlich so: wir waren uns über die Größe der Tiere nicht sicher. Vielleicht sind Kamele ja sehr klein und man übersieht sie ganz leicht und stell dir nur den Schrecken vor, den Josuf bekommen hätte, hätten wir gesagt, wir hätten seine 1000 Kamele nicht gefunden! Er hätte dann sicher in der ganzen Stadt verzweifelt nach ihnen gesucht! Und wir wären Schuld gewesen!" Hannelore leckte vorsichtig an Teanus Daumen. "Nein, das wäre nicht gut gewesen, wenn das passiert wäre!" Teanu blickte in das Gesicht seines hoch amüsierten Vaters. "Sind Kamele denn sehr klein?" Sein Vater schüttelte lachend den Kopf. "Nein, Teanu! Kamele sind größer als Esel! Die Tiere mit den zwei Hügeln auf dem Rücken - erinnerst du dich? Das sind Kamele." Teanu riss die Augen auf. "DAS sind KAMELE?" Sein Vater nickte. "Josuf besitzt soweit ich weiß kein einziges. Bei ihm kannst du Esel und Maultiere finden, keine Kamele. Um 1000 Kamele zu sehen musst du nach Pliš reisen, nahe Kaling." "Warst du schon einmal in Pliš?" Hannelore biss vorsichtig in Teanus Daumen. "Au! Nicht mich aufessen! Ich brauche mich noch!" Sein Vater betrachtete die kleine Schildkröte wohlwollend. "Sie hat sicher Hunger. Lass uns zurück in den Hof gehen und deine Mutter fragen, ob Schildkröten Tomaten mögen." Teanu nickte. "Und wenn sie gefressen hat zeige ich ihr das Haus, damit sie weiß, wie ein gerades Haus aussieht. Später sieht sie ja nur noch schiefe." Vater und Sohn betraten wieder den Hof. "So? Später sieht sie nur noch schiefe? Du willst sie also nicht behalten?" Teanu schüttelte den Kopf. "Ich möchte sie Soraja schenken. Sie wünscht sich doch so sehr ein Tier und ihre Mutter meinte, das einzige Tier, das ihr ins Haus käme, wäre eine Schildkröte. Sie dürfte gegen dieses Geschenk also nichts haben." Sein Vater setzte sich auf eines der großen Kissen. "Wann wolltest du Soraja das Geschenk machen?" "Nächste Woche, zu ihrem Geburtstag!" Sein Vater nickte nachdenklich. Dann rief er seine Frau und kurze Zeit später fraß sich Hannelore durch einen großen Haufen kleingeschnittener Tomaten, bis sie sehr satt und sehr glücklich in ihren Panzer zurückgezogen einschlief. 

Am nächsten Morgen, nachdem Teanu Soraja zur Schule der Schreiber begleitet und ihr gut zugesprochen hatte, lief er auf die Felder um seiner Arbeit für den Eselhirten nachzukommen. Zu seiner großen Verwunderung fand er ihn in seinem ernsten Gespräch mit seinen Eltern vertieft vor. Teanu beschloss, die Erwachsenen besser nicht zu stören, pflückte etwas Gras am Wegrand und ging dann langsam auf seine zukünftige Eseldame zu. Das Tier, nachdem es ihm gewahr geworden, beobachtete jede seiner Bewegungen hochaufmerksam. Teanu versuchte den Moment nicht zu übersehen, in dem diese Anspannung in Angst umschlug. "Wer einem Tier Angst macht, zähmt es nicht", hatte der Hirte ihm für seine erste Aufgabe, die Eseldame zu zähmen, auf den Weg gegeben. "Ich möchte dir nichts tun! Ich dir Gras mitgebracht! Als Geschenk! Du magst doch Gras, oder?" Teanus Stimme klang unsicher. Ein Ohr der Eselin zuckte, drehte sich mal zur Seite, mal Teanu zu. Der Junge blieb stehen, setzte sich langsam in einem Schneidersitz auf den Boden und sprach leise weiter zu dem Tier. "Schau, jetzt sitze ich. Jetzt brauchst du gar keine Angst mehr vor mir zu haben!" Die Eseldame zögerte noch einen Augenblick, dann tat sie einige Schritte auf Teanu zu. Ihr Schwanz schwang unruhig hin und her. "Ich bin viel kleiner als du. Hab doch keine Angst!" Teanu hielt das Grasgeschenk in die Richtung des Tieres. Die Eseldame tat noch einen weiteren Schritt auf ihn zu, verharrte kurz, senkte lansam den Kopf in Richtung Boden, als wolle sie zu grasen beginnen, stoppte jedoch auf halbem Weg und hob den Kopf wieder. Ihr linker Vorderhuf zuckte nervös. Teanu war sich nicht sicher, ob sie aufstampfen oder sich weiter ihm näher wollte. Er blickte zu Boden, zupfte an vertrocknetem Gestrüpp herum und hoffte, dadurch als weniger gefährlich zu wirken. "Ich würde dich so gerne zwischen den Ohren kraulen, weißt du? Und sicherlich würde ich dir Getreidekörner kaufen! Ich habe gehört, ihr Esel mögt Getreide. Wir haben zu Hause auch Tomaten! Falls du die lieber frisst. Ich würde mich sehr gut um dich kümmern! Wollen wir nicht Freunde werden? Was meinst du?" Teanu blickte wieder auf. Sein Esel scharrte mit der Hufe. Dann kam er immer noch vorsichtig so nahe an Teanu heran, dass seine Grashalme die Schnauze der Stute berührten. 

"Er macht seine Sache sehr, sehr gut!" Der Hirte wandte sich wieder Teanus Eltern zu. "Ich werde ihm gerne alles beibringen, was ich über Esel und Eselzucht weiß! Und seid wegen der Bezahlung unbesorgt! Es war lediglich ein Test, wie ernst es dem Jungen ist." Teanus Vater nickte. "Ich finde deine Idee, ihm den Esel zu schenken wenn er ihn gezähmt hat, eine sehr schöne! Bild du ihn zum Freund der Esel aus, wie er es immer nennt, und wir werden ihm alles Wissen beibringen, das wir besitzen." Der Hirte und die Eltern Teanus verabschiedeten sich. Beim Gehen konnten Vater und Mutter noch sehen, wie ihr Sohn seine Eseldame zaghaft, fast ein wenig schüchtern, zwischen den Ohren streichelte. "Er macht seine Sache wirklich sehr, sehr gut", murmelte die Mutter. Dann durchquerten sie das Tor der 20 Froschgespenster und verloren die Felder aus  den Augen. Die Sonne stand hoch am Himmel, aus der Karawanserei konnte man ein Maultier rufen hören. "1000 Kamele", lachte Teanus Vater vergnügt und erzählte seiner Frau auf dem Weg zu ihrem Haus, was es damit auf sich hatte.

Papierschiffchen

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