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Fiona und Hannelore
Fiona

1. Kapitel

Kaling

Seit fünf Wochen waren sie nun auf See. Fiona wurde langsam unruhig. Immer wieder fragte sie ihren Vater, ob es denn noch lange dauern würde, bis sie einen neuen Hafen erreichen würden. Je schneller sie in einen neuem neuen Hafen einliefen, desto schneller konnten sie ihn auch wieder verlassen, nach Urilon fahren und Hannelore besuchen. Ihr Vater seufzte bei der Frage seit einigen Tagen nur mehr. Dann konnte Fiona eines Morgens die Umrisse einer Stadt am Horizont erkennen. "Bevor du fragst", rief ihr Vater ihr zu, während er das Steuer führte, "das sind die Umrisse der Stadt Kaling. Wir müssten sie morgen erreichen, vorausgesetzt der Wind bleibt günstig." Fiona kniff die Augen zusammen in der Hoffnung, mehr von der ihr unbekannten Stadt zu erkennen, gab den Versuch jedoch schnell auf. Stadessen lief sie zum alten Jim, der auf einer Holzkiste saß und ein Segel flickte. "Jim, kennst du diese Stadt?" Fiona kletterte auf ein zusammengerolltes Tau und machte es sich darauf bequem. Jim nickte. "Kaling. Mit seinem Kristallpalast. Ja, ich kenne diesen Ort. Ich war schon oft dort." "Ein Kristallpalast? Ein richtig, echter Kristallpalast? Wie sieht der aus? Wer wohnt in ihm? Gibt es dort einen König und eine Königin? Haben die Kinder? Kann man mit denen spielen? In dem Palast?" Fionas Augen waren vor Aufregung ganz groß und rund geworden. Jim legte das Flickzeug aus den Händen. "Wer lebt also im Palast von Kaling... Tja, so genau weiß das niemand. Er gehört der Puppenbauerin, die auch in ihm lebt. Aber ob sie alleine dort wohnt oder mit Bediensteten, das weiß keiner. Zumindest verlässt außer ihr niemand den Palast und niemand betritt ihn. Sie selbst ist eine recht sonderbare Person. Die Bewohner erzählen sich allerlei Geschichten über sie. Dass sie Seelen stielt, um sie in ihre Puppen zu sperren und diese zum Leben zu erwecken. Oder, dass sie frühere Bewohner in ihrem Palast gefangen hält und für sich arbeiten lässt." Fiona schluckte. "Stimmt das denn? Ist diese Puppenbauerin eine böse Person?" Jim zündete nachdenklich seine Pfeife an. "Die Bewohner sagen das. Ich habe sie nur einmal in der Kaschemme am Hafen gesehen. War überrascht sie an einem solchen Ort anzutreffen. Man erwartet in einer Kaschemme nicht die Bewohnerin eines Palastes. Nein, das erwartet man wirklich nicht. Der Wirt erzählte mir, dass sie öfter käme. Nicht regelmäßig. Aber doch zwei, drei Mal im Monat. Sie säße immer am selben Platz, an einem Tisch in einer dunklen Ecke, tränke Drachendornmet und spräche kein Wort." "Hat sie hochnäsig gewirkt?" Fiona verzog ihr Gesicht. "Oder arrogant?" Jim schüttelte den Kopf. "Nein. Ich habe zwar ihr Gesicht nicht gesehen, denn sie trug ein langes Cape mit einer großen Kapuze, die sie nicht abgenommen hat, aber sie hat weder Boshaftigkeit noch Arroganz ausgestrahlt. Eher erschien sie mir in ihrem Auftreten zurückhaltend zu sein, als wolle sie nicht stören. Wir haben sie alle in Ruhe gelassen. Einige haben gewispert, man müsse jetzt ganz besonders auf seine Seele acht geben, damit sie sie einem nicht vor der Nase wegstiehlt. Aber keiner hat sich getraut, sie aus der Kaschemme zu werfen. Wer weiß, was sie dann mit einem macht? Sie ist sicher zu vielem fähig! Mit der Puppenbauerin, da legst du dich lieber nicht an! Da bist du freundlich, ziehst deinen Hut und hältst Abstand!" Der alte Jim seufzte. "Ich wollte keinen Abstand halten, dort, in der Hafenkaschemme. Ich wollte mich zu ihr setzten. Keiner soll alleine an seinem Tisch sitzen müssen! Keiner!" Jim schüttelte mit düsterem Blick den Kopf. "Warum hast du dich nicht zu ihr gesetzt?" Fiona fing an fast ein wenig Mitleid mit der Puppenbauerin zu bekommen. "Ich habe den Mut nicht aufgebracht. Ich habe einfach den Mut nicht aufgebracht zu diesem Tisch zu gehen und zu fragen, ob sie Gesellschaft wünscht. Ich habe das getan, was alle getan haben: ich habe weggesehen und versucht ihre Anwesenheit zu vergessen." "Wir können ja morgen dort gemeinsam hingehen und wenn sie da ist sprechen wir sie an!" Fiona lächelte den alten Matrosen aufmunternd an. Der lachte. "Ach Kleine! Da würde mich dein Vater, der Kapitän, schön schimpfen, wenn ich mit dir in die Hafenkaschemme gehen würde! Noch dazu in die, in der die Puppenbauerin verkehrt! Nein, um die mache du lieber einen Bogen! Es stimmt schon, dass sie zu so einigem im Stande ist! Ihre Puppen sind lebendig, ganz ohne Zweifel! Sie versteht ihr Handwerk! Doch wie das Leben in die Puppen kommt, darüber existieren nur Gerüchte. Keiner weiß, welche Schritte dazu von Nöten sind. Deshalb, Fiona, halte Abstand, wenn du sie siehst! Hörst du?" Fiona nickte ernst. "Gut." Der alte Jim nam das Flickzeug wieder zur Hand. "Nun muss ich aber das Segel fertig flicken. Wenn du willst kannst du mir dabei helfen und von diesem Stoffstreifen Stücke abschneiden. Siehst du? So." Fiona kletterte mit emsigem Gesichtsausdruck von dem zusammengerollten Tau, nahm sich eine Schere aus einem Holzkasten, in dem sich allerlei Werkzeug befand, und schnitt unter der Anleitung des alten Matrosen ein Stück Stoff nach dem nächsten in die richtige Form, um damit das Segel zu reparieren. Die Stadt Kaling nahm am Horizont mehr und mehr Gestalt an und Fiona war sich sicher, auch den Kristallpalast erkennen zu können, in dem die Puppenbauerin wohnte und auch, wenn sie sich ein wenig vor ihr zu fürchten begonnen hatte, so hoffte sie doch ihr in sicherer Entfernung zu begegnen. Hannelore wäre bestimmt sehr erstaunt, wenn sie ihr von einem solchen Aufeinandertreffen berichten würde! Schließlich war Fiona sich sicher, dass die kleine Schildkröte noch nie einer Puppenbauerin begegnet war. Bei der Vorstellung ihrer Freundin von dem Palast und Kaling erzählen zu können seufzte Fiona wehmütig. Vielleicht war es ja besser, dass Hannelore in Urilon geblieben war. So konnte ihr ihre Seele zumindest nicht gestohlen werden! Das ging bei kleinen Sternenschildkröten sicher rasch und wo bitte, sollte sie dann eine Ersatzseele herbekommen? Nein, es war ohne jeden Zweifel besser, dass Hannelore in Urilon war und nicht in Kaling!  

 

Sie schlenderte gemächlichen Schrittes die breite Straße hinunter, die von ihrem Palast zum Hafen führte. Ihr kleiner Drache watschelte hinter ihr her, schnupperte mal an diesem, mal an jenem, verhalf einem großen Tongefäß teilweise zu einer neuen Färbung, um anschließend einem Blatt hinterher zu hopsen, das vom Wind über die Straße getrieben wurde. Die Puppenbauerin, tief in Gedanken versunken, bekam von all dem genauso wenig mit, wie sie das leise Gemurmel der Passanten hörte, die ihr weiträumig auszuweichen versuchten. Erst, als sie den Hafen erreichten, blickte sie sich nach dem kleinen Drachen um, der sehr interessiert einen Holzbalken des Vordachs der Kaschemme zu untersuchen begonnen hatte. "Nein, Luisa! Den Balken lässt du bitte stehen!" Der Drache wandte augenblicklich den Kopf ihr zu. "Komm, lass uns ein wenig über die Stege schlendern. Die du bitte auch stehen lässt!" Luisa ließ von dem Holzbalken ab und folgte der jungen Frau, deren Gesicht durch die tiefe Kapuze ihres Capes verborgen blieb. Tatsächlich zeigte die Puppenbauerin ihr Antlitz so selten, dass auch darüber allerlei Gerüchte in Kaling die Runde machten. Einige der Matrosen erzählten, es ei durch eine tiefe Narbe entstellt, die sie sich bei einem Kampf mit einer besonders tapferen Seele zugezogen hätte. Unter den Händlern wurde indes die Vermutung geäußert, sie sei von solchem Hochmut, dass sie es für ihrer nicht würdig erachtete, Blickkontakt mit einem normalen Bürger aufzunehmen. Nur der Wirt zuckte bei solchen Gerüchten mit den Schultern, murmelte "vielleicht ist sie auch einfach nur schüchtern" und wand sich dann wieder seiner Arbeit zu. Insgeheim tat ihm die junge Frau jedesmal Leid, wenn sie in seiner Kaschemme an ihrem Tisch in der Ecke saß, in einem Buch blätterte und weder hochmütig, noch hinterlistig, sondern eher sehr verloren wirkte. 

Papierschiffchen