Das Meisterwerk

(Kassiopeia)

Er summte munter eine kleine Melodie vor sich hin, während er die letzten Schrauben festzog. Sie verbanden den Torso der Puppe mit ihrem Hals, auf den er den Kopf so montiert hatte, dass die junge Dame ihn menschengleich bewegen konnte. Morgen würde er angemessene Kleidung für sie schneidern. Eine weiße, schlicht gehaltene Bluse, mit emaillierten Manschettenknöpfen. Dazu eine elegante Hose aus Seide und eine blaue Schleife,      für die Haare. "Mein Meisterwerk!" Der alte Puppenbauer stupste vergnügt mehrmals mit dem Griff des Schraubenziehers gegen seine Nasenspitze. "Du wirst die allerschönste meiner Puppen werden!" 

Sorgsam setzte er sie gegen die Wand gelehnt an das Ende seines Arbeitstisches. Dann erhob er sich und ging einige Schritte zu einem großen, hölzernen Regal. Auf den dicken, alten Brettern standen dicht an dicht große und kleine Kristallgläser. Sie hatten die Form von bauchigen Einmachgläsern, welche mit silbernen und goldenen Deckeln verschraubt worden waren. In ihrem Inneren ruhten Seelen. Einige glimmten immer wieder leicht auf, andere leuchteten beständig in dem ihnen eigenen Licht. 

Der alte Mann lies suchend den Finger über die Gläser gleiten. "Wo bist du denn, meine Hübsche? Wo verbirgst du dich? Es wird Zeit aufzuwachen!" Dann lächelte er breit. "Ah! Da hast du dich versteckt!" Er hob ein großes Kristallglas von einem der oberen Regalbretter, trug es zu seinem Arbeitstisch und stellte es dort sorgsam ab. Dann nahm er wiederum die Puppe zur Hand. Er hielt sie so an das Glas, dass die sich darin befindliche Seele sein Meisterwerk bestaunen konnte. Der Puppenbauer klopfte mit dem Fingerknöchel gegen das Glas. Die Seele bimmelte benommen. "Schau einmal, was ich hier schönes habe!" Als die Seele keine Reaktion zeigt, klopfte er erneut, diesmal etwas fester. "Währe das nicht ein tolles neues zu Hause für dich? Sieh nur, welch hübsches Gesicht die Puppe hat!" Die Seele schwebte etwas orientierungslos durch das Glas. Hatte er sie etwa zu lange darin aufbewahrt? Der Puppenbauer schluckte. Es passierte ihm nicht häufig, dass er zu lange damit wartete, seine Schützlinge in Puppen zu setzten, um sie mit Leben zu füllen, doch hin und wieder war es schon vorgekommen, dass eine Seele sich in seiner Obhut zu einem Schatten ihrer Selbst geworden schließlich mit einem letzten, traurigen, wie aus weiter Ferne kommenden Ton aufgelöst hatte. "Hier drüben bin ich! Hier drüben!" Er wackelte etwas mit dem Kopf der Puppe, lies seine Stimme zärtlich klingen und hoffte, dass die Seele des Puppenkopfs gewahr wurde. Diese hielt inne und bimmelte abermals. Diesmal klang ihr Bimmeln wacher. Der Puppenbauer atmete auf, klopfte erneut mit dem Finger gegen das Glas und wackelte mit dem Puppenkopf. Die Seele schwebte der Puppe gewahr geworden an die Seite des Glases, vor den der Alte sein Werk hielt, schien sie sich einen Moment anzuschauen und gab dann helle, zärtliche Töne von sich. "Sie gefällt dir also. Das freut mich! Das freut mich wirklich sehr!" Der Puppenbauer blickte durch das Glas die Seele an. "Es wird noch einige Tage dauern bis ich dieses Meisterwerk vollendet habe. Wenn du möchtest, kannst du es dann zum Leben erwecken." Aus dem Inneren des Glases drang stolzes Gebimmel. "Ich lasse dich hier auf dem Tisch stehen. Siehst du? So. Von hier kannst du der Vollendung beiwohnen!" Er stellte das Kristallglas an die Ecke des Tisches und überprüfte, dass es nicht herunterfallen konnte. "Siehst du so gut?" Die Seele schwebte langsam auf und ab und machte einen zufriedenen Eindruck. "Gut. Dann wollen wir nun deinem neuen Zuhause den letzten Schliff geben, damit es deiner würdig ist, meine Hübsche." Er begann, die Maße der Puppe zu nehmen. Die Seele beobachtete aufmerksam was er tat. Es wurde still im Raum. Nur das Surren der Nähmaschine erklang von Zeit zu Zeit, gefolgt vom Klicken der Schere, mit der er die Stoffe in die passende Formen schnitt.  

Zwei Tage lang schneiderte der Alte die Kleidung der Puppe. Immer wieder hielt er die Bluse und die Hose an das Kristallglas um sich zu vergewissern, dass die sich darin befindliche Seele mit seiner Arbeit zufrieden war. Am vierten Tag, nachdem er Schuhe aus schwarzem Leder gefertigt und die Puppe angekleidet hatte, band er ihre bronzefarbenen Haare mit der blauen Schleife im Nacken zusammen, schnitt den Pony in eine in seinen Augen perfekte Form und präsentierte am späten Nachmittag der zukünftigen Bewohnerin sein Meisterwerk. Die Seele bimmelte aufgeregt. Dann schwebte sie in dem Glas ganz nach oben und machte sich bereit, aus ihrem alten Zuhause heraus und in ihr neues Zuhause hinein zu wechseln, um dort ihrer vermeidlichen Aufgabe gerecht zu werden und die Puppe mit Leben zu füllen.

 

Der Puppenbauer erklärte all den Seelen, die er fing, ernst und zugleich liebevoll, dass ihre Aufgabe darin bestand, seine Werke lebendig werden zu lasen. Er erklärte das so lange, bis die Seelen mehr und mehr in einen Trancezustand verfielen und nach und nach zu glauben begannen, was er sagte. Holte er eine Seele wieder aus ihrem Dämmerzustand, so hatte sie seine Worte verinnerlicht, hatte vergessen, dass sie von ihm gefangen und ihrer Freiheit beraubt worden war und fieberte aufgeregt der Erfüllung ihrer Aufgabe, die mit Grund ihrer Existenz verschmolzen war, entgegen. 

 

Der Seele, die fröhlich bimmelnd auf seinem Arbeitstisch immer wieder sanft gegen den silbernen Deckel ihres Glases stieß, hatte er auf einer Waldlichtung aufgelauert. Es war ein leichtes gewesen, sie in das Kristallglas zu sperren. Einige bunte Blüten und grüne Blätter am Boden des Glases hatten ausgereicht, um sie neugierig werden zu lassen - neugierig und dadurch unvorsichtig, was jedoch keine große Kunst darstellte, die meisten Seelen tendierten zu einer fast schon bemitleidenswerten Unbekümmertheit, wie er fand. Die Blüten seltener Pflanzen reichten zumeist schon aus, damit sie in die Gläser schwebten und er nur noch den Deckel über ihnen zuschrauben musste. Das Glas mit seiner neuen Errungenschaft hatte er einige Tage in eine dunkle Ecke seiner Werkstatt gestellt, hatte gewartet, bis die Seele darin zu weinen aufgehört hatte und still geworden war, um ihr dann ruhig, bei warmem Kerzenschein, zu erklären, was er tat und welche Aufgabe er ihr dabei zudachte. Nach wenigen Tagen hatte der Zauber seiner Worte Wirkung gezeigt und die Seele war in den erwünschten Trancezustand gefallen. Der Puppenbauer hatte sie in das Regal zwischen die anderen Seelen gestellt und damit begonnen, die schönste Puppe zu bauen, die je in seiner Werkstatt entstanden war, ganz so wie er es der gefangenen Seele versprochen hatte. 

Sie sollte alles bekommen: den Palast, in dem er lebte, die Werkstatt, in der er arbeitete, sogar die Puppen, die er gebaut hatte und die nun die Stadt  Kaling bevölkerten. Alles, was er jemals erfunden, gebaut und erschaffen hatte, sollte ihr gehören. Er würde ihr beibringen, wie man Puppen baute und belebte, wie man Seelen fing und verzauberte und auch, wie man seine eigene Stadt erschuf, in der man sicher war, weil man alles kontrollierte. Sie würde eine würdige Nachfolgerin für ihn werden, dessen war er sich sicher. Kaling würde unter ihrer Hand wachsen, und blühen, ohne, dass die Bewohner ahnen würden, was sie alle waren: Puppen.

Denn immer, wenn eine Puppe den Palast verließ, vergaß sie augenblicklich, woher sie kam. An Stelle der Erinnerung trat eine Geschichte, die der Puppenbauer in die Puppe gesetzt hatte. Sie hatte plötzlich vorgefertigte Tagespläne in ihrem Kopf, liebte andere Puppen, die sie zuvor noch nie gesehen hatte, und ging ihrer Arbeit nach - alles in der festen Überzeugung, es gestern schon genauso getan zu haben. Nur sein Meisterwerk sollte sich erinnern können - zumindest daran, dass außer ihr alle Bewohner Puppen wären. Sie sollte sich für eine Puppenbauerin halten, wie er einer war und der Palast sollte voller Erinnerungen an ihre Kindheit stecken, die sie so nie gehabt haben würde. Für sie hatte er all sein Können unter Beweis gestellt. Für sie hatte er sich selber übertroffen.

"Willkommen in deinem neuen Zuhause!" 

Feierlich schraubte er den Deckel des Kristallglases ab. 

"Du wirst großes vollbringen, Kassiopeia!" 

Die Seele schwebte aus dem Glas empor. Sie leuchtete besonders hell, als wollte sie sich ihm noch einmal in ihrer ganzen Schönheit zeigen, bevor sie in ihrem neuen Zuhause verschwinden würde. 

Er öffnete der Puppe den Mund. 

Die Seele wurde sehr lang und sehr schmal und floß langsam in das Innere der Puppe. Dort bündelte sie einen Moment all ihre Kraft und brachte Kassiopeias Herz zum schlagen. 

Ein Zucken fuhr durch die Glieder der jungen Frau. Sie tat einen tiefen Atemzug, lag einen Moment ruhig atmend auf dem Arbeitstisch, bevor sie langsam ihre Augen öffnete. Ihr Blick war strahlend und von einer Tiefe, dass der alte Mann plötzlich von Ehrfurcht ergriffen nur mehr zu flüstern wagte. 

"Sei mir gegrüßt, du wundersames Wunderwesen." 

Er half ihr von seinem Arbeitstisch herunter, stützte sie während ihren ersten Schritten, die zwar noch wacklig ihr doch schon so vertraut vorkamen, als hätte sie vor langer Zeit zu laufen gelernt und brachte sie, die noch benommen unfähig war zu sprechen, in ihr zukünftiges Zimmer. Dort legte er sie auf ein großes Bett mit weißen Kissen. "Ruhe dich ein wenig aus! Du bist schwer gestürzt und hattest das Bewusstsein für einen kurzen Moment verloren. Ich sehe immer wieder nach dir. Oder hast du etwa Schmerzen? Dann hole ich einen Arzt!" Kassiopeia schüttelte schon halb schlafend den Kopf. Die Erinnerung an ihre Herkunft verblasste langsam und noch ehe sie wieder erwacht war, hatte sich das Bild eines glücklichen Kindes in ihr gefestigt, welches häufig Nachmittage lang auf dem Boden des Arbeitszimmers gesessen und ihrem Vater dabei zugesehen hatte, wie er Puppen baute, die zum Leben erwachten, und das sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als dass ihr Vater sein Wissen und Können einmal an sie weitergeben würde. 

 

Der Zauber des Puppenbauers hatte zu wirken begonnen. 

Stuhl
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