Linnea Moro

Eigentlich heiße ich ganz anders.

Als ich mit 15 Jahren begonnen habe all das, was in meinem Kopf so passierte, aufzuschreiben um es lesen zu können (und weil es mich faszinierte, wie Bilder zu Worten wurden, die völlig real auf einem Blatt Papier standen, wodurch die Geschichte in mir fast auch ein bisschen real wurde), habe ich das Internet genutzt um Feedback von lesenden Menschen zu bekommen. Das Internet erschien mir riesengroß und weil ich vorsichtig sein wollte, schrieb ich dort lieber unter Pseudonymen. Als ich dann den ersten Schritt wagte und meinen ersten Gedichtband veröffentlichte, kam es mir seltsam vor, das unter meinem eigentlichen Namen zu tun. So wurde ich zu Linnea Moro.

Ganz am Anfang, mit 15, glaubte ich nicht wirklich, ich könnte "schreiben". In mir exestierte kein einziger Buchstabe, keine Schrift, alles war in Bildern zu sehen, war in Musik zu hören - Sprache kannte ich aus mir nur als gesprochenes Wort und wenn ich etwas fühlte, so tat ich das farbig. Wie sollte ich da all das aufschreiben, was mich nahezu ununterbrochen begleitete? 

Dann blieb da eine Geschichte. Sie klebte an meinen Gedanken. Sie wollte nicht verschwinden, wollte keinen neuen Bildern Platz machen, störte fast ein bisschen. Also nahm ich einen Stift und dachte bei mir: Was kannst du schon verlieren? Mehr, als dass du das nicht aufs Papier bekommst, kann nicht passieren. Probiere es also einfach mal aus!

Na ja, was soll ich sagen? Während mein Kopf Bilder, Emotionen, Monologe und Dialoge lieferte, sorgte meinen Hand wie von selbst für die richtigen Buchstaben, sodass nach einer Woche die Geschichte vollständig in Schrift übersetzt vor mir liegend von mir gelsen werden konnte.

Ab da hielt mich nichts mehr! Ich schrieb - zu Hause am Schreibstich, in der Schule heimlich unter der Bank...

Manchmal entwarf ich in meinem Kopf eine Landschaft, die ich dann möglichst genau zu beschreiben versuchte. Manchmal dachte ich mir Gespräche aus und versuchte, die emotionale Färbung der Worte so genau wie möglich wiederzugeben. Kein noch so kleines Grashälmchen sollte aus meinen Bildern verloren gehen, jede Farbe wollte ich mit dem Respekt behandeln, der ihr meines Erachtens nach zustand. 

Nur Gedichte, Gedichte konnte ich nicht schreiben (was mich nicht davon abhielt, es trotzdem zu tun). Ich machte so ziemlich jeden Fehler, den man machen konnte: hielt den Rythmus nicht ein, setzte die falschen Worte an die falschen Stellen, wollte romantische Poesie erschaffen und erschuf vor allem tote, unförmige Gerippe, farblos und leer.

Ich glaube ich war 17 als ich eine Idee hatte. Sie war plötzlich in mir. Als käme sie geradewegs aus dem Nichts. 

Du liebst Krimis. Dich fasziniert das Dunkel der Menschen. Gewalt, Hochmut, Macht - vor all dem hast du ungefähr genauso viel Angst, wie du es neugierig analysieren möchtest. Lass das mit der Romantik mal sein und versuche ein Gedicht aus der Sicht einer Mörderin zu schreiben.

Es klappte auf Anhieb.

Manchmal haben mich Menschen gefragt, wen ich in einer Vielzahl meiner Gedichte verspotte, verhöhne, ersteche und erschlage. Ob ich da eine sehr dunkle Seite von mir ausleben würde. Die Wahrheit ist, dass die Adressatin dieser Gedichte immer ich selber war und bin. Ich werde in ihnen verspottet, verhöhnt, erstochen und erschlagen. Teilweise durch einen Teil in mir, der verzweifelt mich dazu bekommen wollte, mutiger zu werden, teilweise von Mitmenschen, die mein Selbstbewusstsein beschossen, damit ich tat, was man für das richtige hielt und ich endlich einsah, wie richtig die Pläne der anderen und wie falsch meine eigenen waren. 

Wie zuvor bei den Geschichten mit den Bildern geschehen, konnte ich nun in den Gedichten nachlesen, wie es mir ging. Dort fühlten keine fiktiven Charaktere mehr, die ich mir ausgedacht hatte, dort fühlte ich selber.

Meistens fühlte ich in dunklen, dreckigen Farben. Doch weit hinten konnte ich es in mir glitzern und funkeln sehen. Also schrieb ich mich vorwärts und die Farben wurden zusehends heller, bunter, klarer, sanfter. Zeitgleich wurde ich in den Bildern meiner Geschichte immer beweglicher, immer sicherer in meiner Wortwahl, bis ich begann, das Geschriebene laut zu lesen. Plötzlich konnte ich nicht nur Bilder in Schrift gebannt vor mir sehen, ich konnte die Farben der Worte nun auch schmecken. Ab da war mir klar, dass ich nie mehr aufhören könnte mit "dem Schreiben". Es gehört zu mir, wie zu andern Menschen ihre Sehnsucht nach Schokolade oder ihre Liebe für Blumen. Es ist ein Teil von mir, den ich unter einem Pseudonym auslebe, weil ich mit 15 vorsichtig sein wollte. 

Ich bin gespannt, was ich mit Hilfe meines Stiftes noch so alles anstellen werde!

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