Linneas Schreibtisch

Ein neues Buch entsteht 

Bevor ich "Das Zimmer" geschrieben habe, saß ich eigentlich an einer ganz anderen Geschichte: Fiona und Hannelore, die am Anfang noch Hannelore und Fiona hieß. Es wird mein nächstes Buch werden, vorrausgesetzt, ich schreibe nicht außversehen kurzfristig ein anderes und dieses muss wieder auf Vollendung warten. Ihr sollt hier immer ein Kapitel lesen und hören können, für mindestens 14 Tage. Momentan schreibe ich am 5. Kapitel, zu lesen ist das zweite, zu hören das erste. Also kommt frühestens am 02.03.21 das dritte Kapitel als Text und das zweite Kapitel als Hörbuch online. Ich hoffe, die neue Geschichte macht euch Freude. Zumindest habe ich meinen Spaß, während ich sie mir ausdenke. :-)

Eure Linnea

Hannelore und Fiona Kapitel 1Linnea Moro
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Der Boden flog unter Fionas Füßen dahin. Schon bald hatte sie Markt und Hafen hinter sich gelassen. Die Umgebung wurde zunehmend unwegsamer. Der festgetretenen Lehmboden des Marktes wich nach und nach einem wurzeldurchsetzten Lehm-Sand-Gemisch. Fiona rannte einen schmalen Trampelpfad entlang. Ihre Kehle brannte zusehends. "Weiter!", befahl sie sich streng, während ihr Herz wie wild klopfte. "Nicht stehenbleiben! Lauf weiter! Sonst kochen sie Hannelore!" Palmen luden dazu ein, in ihrem Schatten Rast zu machen. Fiona biss sich auf die Unterlippe, dass es schmerzte. Sie durfte nicht rasten. Sonst kochten sie ihre Freundin. Die lauten Rufe der Händler des Marktes waren Vogelgesang gewichen. Einige Vögel hörten sich in Fionas Ohren jedoch an, als würden sie schreien, nicht singen. Hannelore schrie nicht, niemals. Unglücklicherweise sang sie auch nicht, obwohl Fiona ihr alle Lieder vorgesungen hatte, die sie kannte. Sie hatte bei einigen sogar die Melodie geändert, falls Hannelore eine größere Auswahl wünschte - doch die kleine Schildkröte war stumm geblieben. 

Sie erreichten das Ende des Pfades. Vor ihnen erstreckte sich eine kleine Bucht. Kleine Wellen plätscherten über große, flache Steine, erreichten den dahinter liegenden Sand des Strandes, glitten darüber, so sanft, dass es Fiona vorkam, als würde das Meer den Boden streicheln. Die Luft schmeckte salzig. Hannelore wackelte neugierig mit ihrem sehr kleinen Schwanz. Ihre schwarzen Knopfaugen, die Fiona an Perlen edelster Herkunft erinnerten, glänzten im Anblick der Weite des Meeres. Die Schildkröte wurde zusehends unruhig. Sie bewegte alle vier Beinchen, als würde sie es sein, die da über den Strand lief, nicht Fiona. "Bitte! Du musst ruhig bleiben!" Fiona brachte die Worte nur mit Mühe hervor, so sehr war sie vom schnellen Laufen außer Atem. "Ich kann dich sonst nicht so gut halten, weißt du?" Sie holte mehrmals tief Luft. "Dann fällst du runter und tust dir weh! Wegen mir! Das wäre nicht gut!" Hannelore hielt in ihrer Bewegung inne. Nicht so sehr, weil sie verstand, was Fiona da zu ihr sagte - sie liebte vielmehr den sanften Klang ihrer Stimme. Fiona blickte sich nach einem Ort um, an dem sie einen Moment sitzen und nachdenken konnte. Sie wurde dreier Palmen gewahr, die ein kleines Stück entfernt dicht beieinander standen und aussahen, als hätte sie jemand dort vergessen. "Das ist der ideale Platz für eine kurze Rast! Findest du nicht auch?" Fiona hielt Hannelore vor sich in die Luft, damit sie die Palmen besser sehen konnte. Die Schildkröte fing sogleich an mit ihren Beinchen zu rudern. Diesmal tat sei das jedoch nicht aus Neugierde, Hannelore suchte vielmehr verblüfft den Boden, der sich bis eben noch gut spürbar unter ihr befunden hatte. Doch weder ihre Beine, noch ihr Schwanz konnten ihn finden. Auch ihre Schnauze, die sie suchend mal nach oben, mal nach unten bewegte, vermeldete keinen Bodenfund. "Das habe ich mir gedacht, dass dir der Platz gefällt!" Fiona lachte und drückte ihre Freundin wieder gegen die Brust. "Gut. Dann gehen wir da jetzt hin." Hannelore stellte beruhigt fest, dass der Boden sie wiedergefunden hatte und stupste ihn zur Begrüßung sanft mit der Schnauze an. "Ich habe dich auch lieb!", flüsterte Fiona ihr zu und ihre Augen fühlten sich plötzlich ganz heiß an, so sehr wollten sei weinen. "Reiß dich zusammen, Fiona! Hier kommst du nur mit einem präzise arbeitenden Kopf raus! Nicht mit emotionalen Klimbim!", ermahnte sie sich streng und fügte mit Nachdruck in der Stimme hinzu: "Du bist die Tochter eines Kapitäns eines großen Schiffes! Nicht die eines Kapitäns einer winzigen Nussschale! Benimm dich gefälligst auch so!" Dass sie auch die Tochter einer jungen, trinkfesten Dirne war, verschwieg sie lieber. Weder wusste sie so genau, was trinkfest bedeutete, noch, was eine Dirne war. Wenn sie jemand nach ihrer Mutter fragte, was für ihren Geschmack viel zu häufig passierte, antwortete sie jedesmal, ihre Mutter sei jung verreist und käme sicher sehr bald wieder. Ihr Vater blickte dabei betreten zu Boden, wenn er ihre Antwort hörte. Fiona verstand nicht recht, warum er das tat, schließlich war es kein Verbrechen eine Reise zu tun, die ihrer Mutter dauerte eben etwas länger, doch hatte sie aufgehört Fragen zu stellen. Der Kapitän antwortete ihr nie. Er schwieg nur immerzu, mal mit einem düsteren, mal mit einem traurigen Ausdruck auf seinem Gesicht. 

Fiona stapfte zielsicher auf die Palmen zu. Hannelore zog den Kopf etwas in den Panzer zurück, gerade so viel, dass sie noch etwas sehen, sich jedoch bei Gefahr sofort in Sicherheit bringen konnte. Eine leichte Brise wehte vom Meer in die Bucht. Es roch nach Algen, nach den nassen Planken der untergegangenen Schiffe und Fischkutter, nach Weite und nach Seemannsgarn.

Unter den Palmen lagen einige Kokosnüsse, solche, die nicht wirklich groß, aber auch nicht wirklich klein sind. Für Fiona waren sie perfekt, um sich auf sie zu setzten. Hannelore legte sie auf ihren Knien ab, über denen ihr braun-violettes Kleid eine gerade Fläche bildete. Die Schildkröte untersuchte mit ihrer Schnauze den neuen Untergrund. Sie schien dabei immerzu zu lächeln. Fiona stützte den Kopf in die Hände, blickte über den Ozean und dachte angestrengt nach. Der Wind spielte mit ihren kastanienbraunen Locken. In der Ferne kreischten die Möwen gierig. Sicher suchte sie ihr Vater schon! Er durfte sie nicht finden! Nicht mit Hannelore! Ihr musste schnell etwas einfallen, wollte sie ihre kleine Freundin vor dem Kochtopf bewahren. Da fiel ihr Blick auf eine Kokosnuss, die mit einem dumpfen Geräusch vor ihr in sicherer Entfernung in den Sand fiel. Sie war etwas größer als Hannelore. Auch die Schildkröte hatte das für sie völlig unbekannte Geräusch gehört und sich in ihren Panzer zurückgezogen. Fiona nahm sie und legte sie vorsichtig im Schatten der Palmen in den Sand. Dann begann sie, um Hannelore eine Kokosnuss nach der nächsten in Position zu rollen, bis ein zufällig Vorbeikommender einen Haufen Kokosnüsse sehen würde, keine Schildkröte. Zu guter letzt legte Fiona zu oberst ein Palmblatt auf ihre kleine Freundin. Die Welt um sie verschwamm im Tränenschleier. "Leb wohl, du meine einzige Freundin. Vergiss mich nicht! Ich verspreche - nein - ich schwöre dir, dass ich dich jedes Mal besuchen kommen werde, wenn wir in Urilon anlegen werden. Dies wird der liebste aller Häfen sein, weil du in seiner Nähe bist und irgendwann reisen wir wieder gemeinsam durch die Welt, entdecken Dinge, tanzen zu den uralten Liedern und lauschen den Geschichten des alten Jims! Ich bitte dich nur: vergiss mich nicht!" Fiona schluckte, winkte dem Palmblatt zu, unter dem Hannelore lag und sich nicht rührte, drehte sich langsam um und trottete mit tief hängendem Kopf den Strand entlang, bis sie den Trampelpfad erreichte. Ein letztes Mal blickte sie zu den drei Palmen, dann kehrte sie Strand und Meer den Rücken und begann den Trampelpfad entlang zu laufen, der zum Markt führte. Der Boden unter ihren Füßen wurde fester und fester, während um sie herum das Geschrei der Vögel ab und das der Händler zu nahm. Sie erreichte wieder den Markt, wischte ihre Tränen aus dem Gesicht und begann, ihren Vater, den Kapitän, zu suchen.

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